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PV-Anlage warten: Hagel, Verschmutzung und Anlagenperformance im Griff

Wartung einer PV-Anlage ab 100 kWp: Hagelschäden nach AXA-Statistik, Hagelschutzklasse HW3 und HW4, Ertragsverlust durch Verschmutzung und ein Wartungsregime mit Thermografie und Elektrolumineszenz.

Industrie-Solar Von Alexander Brendlin, Mitgründer & Geschäftsleitung 7 Min. Lesezeit

Die Wartung einer PV-Anlage ab 100 kWp umfasst laufendes Monitoring, Sichtkontrollen nach Unwettern, frühzeitige Reinigung und Fachprüfungen mit Thermografie und Elektrolumineszenz. Der Aufwand lohnt sich: Verschmutzung kostet in Mitteleuropa 3 bis 4 Prozent Ertrag pro Jahr (BSW/Fraunhofer ISE), Hagelschäden erreichten 2021 laut AXA CHF 292 Mio. Module der Hagelschutzklasse HW3 oder HW4, ein festes Wartungsregime und geschultes Personal sichern die Anlagenperformance über die Betriebsdauer.

Das Wichtigste in Kürze

7 Min. Lesezeit
  1. Hagel ist das grösste EinzelrisikoDie Unwetterschäden bei AXA Schweiz schwankten zwischen CHF 61 Mio. (2020) und CHF 292 Mio. (2021); das 30-Jahres-Mittel liegt bei rund CHF 115 Mio. (AXA, Juni 2025).
  2. HW3 ist die Basis, HW4 in HagelregionenSIA 261/1 und das VKF-Hagelregister setzen die Hagelschutzklasse HW3 als Standard, das Swissolar-Merkblatt 17 empfiehlt HW4 in exponierten Regionen.
  3. Verschmutzung kostet 3 bis 4 Prozent pro JahrOhne Reinigung summiert sich der Soiling-Verlust in Mitteleuropa auf über 10 Prozent (BSW/Fraunhofer ISE). Bewuchs kann nach unserer Erfahrung rund 25 Prozent kosten.
  4. Zellschäden sieht man nichtMikrorisse nach Hagel bleiben bei der Sichtkontrolle unentdeckt. Thermografie und Elektrolumineszenz machen sie sichtbar, bevor der Ertrag messbar einbricht.

Eine PV-Anlage ab 100 kWp ist ein Asset, dessen Ertrag von Faktoren abhängt, die sich laufend ändern: sinkende Einspeisevergütung, dynamische Tarife, Verschiebungen zwischen Produktion und Verbrauch, Unwetter und Verschmutzung. Die Wartung entscheidet darüber, ob die Anlage die Performance aus der Planung über die Betriebsdauer hält. Dieser Artikel zeigt, welche Schäden Hagel und Verschmutzung anrichten, welche Hagelschutzklasse heute gefordert wird und wie ein Wartungsregime aussieht, das den Ertrag sichert.

Wie gross ist das Hagelrisiko für Solaranlagen in der Schweiz?

Hagel ist in der Schweiz die teuerste Unwettergefahr für Dächer, und Solarmodule liegen exponiert auf dem Dach.

Die Unwetterstatistik der AXA Schweiz zeigt die Spannweite (AXA, Medienmitteilung vom 4. Juni 2025):

61 Mio. CHF
Unwetterschäden AXA Schweiz 2020, historisch extrem schadenarmes Jahr
292 Mio. CHF
Unwetterschäden 2021, Rekordjahr; grösster Einzeltreiber war der Hagelzug im Tessin am 28. Juni
115 Mio. CHF
30-Jahres-Mittel der Unwetterschäden bei AXA Schweiz

Dazwischen liegen 2022 mit CHF 143 Mio., 2023 mit CHF 239 Mio. nach erneut schweren Hagelzügen, 2024 mit CHF 132 Mio. und 2025 mit CHF 72 Mio. Der Trend folgt keiner Linie, sondern schwankt von Jahr zu Jahr um ein hohes Mittel.

Der heisse August 2026 endete mit einem Hagelsturm: Am 28. August 2026 brachte eine Kaltfront Hagelkörner bis 6 cm Durchmesser und Böen von 142 km/h in Schaffhausen (MeteoSchweiz). Das Klimaforschungsnetzwerk NCCS erwartet für die Schweiz weniger Hagelgewitter, aber mehr grosse Körner: Hagel wird seltener, aber heftiger. AXA ergänzt aus Versicherersicht, dass sich Unwetter kurzfristiger und punktueller entladen, oft in Kombination mit Fallböen.

Nach einem Sturm- oder Hagelereignis empfehlen wir drei Schritte: zuerst das Monitoring auf Fehlermeldungen und Leistungsabfälle prüfen, dann eine Sichtkontrolle auf mechanische Schäden an Modulen, Unterkonstruktion und Verkabelung, und bei Auffälligkeiten eine Messung. Schäden auf Zellebene, die Mikrorisse, bleiben bei der visuellen Kontrolle unsichtbar und zeigen sich erst in Thermografie- oder Elektrolumineszenz-Aufnahmen.

Wie viel Ertrag kosten Verschmutzung und Bewuchs?

Verschmutzung senkt den Ertrag in Mitteleuropa um 3 bis 4 Prozent pro Jahr; ohne Reinigung summiert sich der Verlust auf über 10 Prozent (BSW-Solar/Fraunhofer ISE).

Die Studienlage ist eindeutiger, als viele Betreiber annehmen (Bundesverband Solarwirtschaft, April 2026). Für die Schweiz dokumentiert IEA PVPS einen Fall neben einem Bahnhof mit bis zu 10 Prozent Verlust. Und Teilverschattung wirkt überproportional: Nach Messungen der HTW Berlin führen 10 Prozent verschattete Modulfläche zu 15 bis 20 Prozent Verlust am betroffenen String.

Bewuchs ist der unterschätzte Fall. Ein Baum am Dachrand, der bei der Inbetriebnahme noch keinen Schatten warf, erreicht nach wenigen Jahren die erste Modulreihe. Weil die Module eines Strings in Serie geschaltet sind, drosselt das schwächste Modul die ganze Reihe.

Unsere Erfahrung aus dem Betrieb bestätigt die Grössenordnung. Anlagen in der Nähe von Autobahnen verschmutzen innerhalb von ein bis zwei Jahren so stark, dass ein einzelner Reinigungsdurchgang nicht mehr reicht; auch mit Reinigungsrobotern sind dann mehrere Durchgänge nötig, was die Kosten deutlich erhöht. Eine Beispielanlage mit moderatem Bewuchs am Dachrand wies in unserem Monitoring bereits rund 25 Prozent Leistungsverlust auf.

Was das in Kilowattstunden heisst, zeigt eine Rechnung an der Anlage der Schenker Storen AG in Schönenwerd: 1’847 kWp auf über 8’800 m² Dachfläche, geplante Jahresproduktion über 1.8 Mio. kWh. Ein Soiling-Verlust von 3 bis 4 Prozent entspricht dort rechnerisch 54’000 bis 72’000 kWh pro Jahr, Strom, der sonst den Netzbezug zu Gewerbetarifen ersetzt hätte. Die Konsequenz für die Planung der Reinigung: Je stärker die Verschmutzung, desto höher die Kosten pro Durchgang. Frühzeitig reinigen ist billiger als spät.

Wie sieht ein Wartungsregime für eine PV-Anlage ab 100 kWp aus?

Schulung der zuständigen Mitarbeitenden, regelmässige Kontrollen und laufende Überwachung sind die Basis für eine dauerhaft hohe Anlagenperformance.

Vier Ebenen der Anlagenwartung

Monitoring: Abweichungen täglich erkennen

Das Monitoring vergleicht die Produktion mit dem Sollwert aus Einstrahlung und Temperatur. Leistungsabfälle einzelner Strings oder Wechselrichter fallen so auf, bevor sie in der Jahresbilanz sichtbar werden.

  • Performance-Ratio pro String und Wechselrichter
  • Fehlermeldungen mit Handlungsempfehlung, bei Ampere Dynamic innerhalb von 2 Arbeitstagen

Sichtkontrolle: nach jedem Unwetter und einmal jährlich

Geschulte Mitarbeitende des Facility Managements prüfen Module, Unterkonstruktion, Kabelführung und Bewuchs. Externe Kontrollen nach dem Vier-Augen-Prinzip ergänzen die Eigenverantwortung.

  • Glasbrüche, verschobene Module, gelockerte Klemmen
  • Bewuchs am Dachrand und Verschmutzungsgrad

Reinigung: früh statt gründlich

Der Reinigungszeitpunkt richtet sich nach Standort und Monitoring, nicht nach dem Kalender. Ein Durchgang bei leichter Verschmutzung kostet weniger als mehrere Durchgänge bei starker.

  • Standortfaktoren: Autobahn, Landwirtschaft, Industrieemissionen
  • Roboter- oder manuelle Reinigung je nach Dachtyp

Fachprüfung: messen, was man nicht sieht

Fachunternehmen führen Isolations- und Leistungsmessungen, Thermografie und Elektrolumineszenz durch. Thermografie zeigt Hotspots und Zellausfälle aus der Luft, Elektrolumineszenz macht Mikrorisse am einzelnen Modul sichtbar.

  • Nach Hagel- und Sturmereignissen
  • Bei unerklärten Leistungsabfällen im Monitoring

Die Schulung gehört zum Regime. Wer im Facility Management weiss, wie ein Glasbruch, ein gelockerter Klemmkontakt oder ein verschatteter String im Monitoring aussieht, meldet früher und richtiger. Externe Fachprüfungen bauen auf dieser Meldung auf.

Für die Organisation gibt es zwei Wege: Der Betrieb setzt auf Eigenverantwortung, schult das Facility Management und behält die Kontrolle im Haus. Oder er externalisiert Überwachung und Kontrolle an ein Fachunternehmen. Ampere Dynamic betreut im Rahmen von Service & Betrieb rund 100 Anlagen; die Pakete reichen von der digitalen Fernüberwachung bis zur Betriebsführung mit dokumentierten Zustandsberichten.

Wie holen Sie mehr aus dem bestehenden Asset heraus?

Wartung sichert den geplanten Ertrag. Wer mehr Strom braucht oder den Überschuss besser verwerten will, hat darüber hinaus vier Optionen.

Die Marktbedingungen ändern sich laufend, und mit ihnen die Wertschöpfung der Anlage. Bei viel Überschuss lohnt sich die Prüfung eines Zusammenschlusses zum Eigenverbrauch als ZEV, vZEV oder LEG. Ein Batteriespeicher erhöht den Eigenverbrauch und vermeidet die Einspeisung bei negativen Spotpreisen. Ein Energiemanagementsystem steuert Speicher, Ladestationen und Wärmepumpen nach dem Strompreis. Die Zahlen dazu stehen im Artikel Strommarkt 2026 und dynamische Tarife.

Sind alle Dachflächen belegt, bleiben Fassaden, Zäune und Parkplätze. Vertikal-PV an Fassaden und Umzäunungen nutzt die Fläche doppelt, produziert mehr Winterstrom und qualifiziert sich für den Neigungswinkelbonus und den Winterstrombonus. Parkplatzüberdachungen mit PV bringen den Parkplatzbonus, bei integrierten Systemen mit bifazialen Modulen eine zusätzliche Förderung, und schützen Fahrzeuge und Ladestationen vor Witterung. Die Voraussetzungen und Förderbeträge erklärt der Artikel Winterstrombonus und vertikale PV, die technische Umsetzung die Lösungsseite Vertikale Photovoltaik.

Der rote Faden bleibt derselbe: vom einzelnen Asset zum flexiblen Energiesystem, das gewartet, überwacht und nach Marktbedingungen gesteuert wird.

Häufige Fragen

Wie oft muss eine gewerbliche PV-Anlage gewartet werden?

Das Monitoring läuft täglich und meldet Abweichungen in der Produktion. Eine Sichtkontrolle gehört nach jedem Sturm- oder Hagelereignis dazu, mindestens aber einmal pro Jahr. Reinigung richtet sich nach dem Standort: Neben Autobahnen oder Industrieemittenten ist sie nach unserer Erfahrung schon nach ein bis zwei Jahren fällig. Fachprüfungen mit Isolationsmessung, Thermografie oder Elektrolumineszenz ergänzen den Zyklus bei Auffälligkeiten.

Wie erkennt man Hagelschäden an Solarmodulen?

Sichtbare Glasbrüche zeigen sich bei der visuellen Inspektion. Schäden auf Zellebene, sogenannte Mikrorisse, bleiben dem Auge verborgen und senken den Ertrag trotzdem. Sie werden mit Thermografie-Aufnahmen aus der Luft oder mit Elektrolumineszenz-Messungen am Modul sichtbar. Nach einem Hagelereignis empfehlen wir deshalb, zuerst das Monitoring auf Fehlermeldungen zu prüfen und dann gezielt zu messen.

Welche Hagelschutzklasse braucht eine PV-Anlage in der Schweiz?

Nach SIA 261/1 und dem VKF-Hagelregister gilt die Hagelschutzklasse HW3 als Basis, in ausgewiesenen Hagelregionen empfiehlt das Swissolar-Merkblatt 17 HW4. Eine kantonale gesetzliche Pflicht für PV-Module gibt es nicht; Versicherer, Planer und Bauherren fordern HW3 aber zunehmend als Standard. Die Klasse steht im Prüfzeugnis des Modulherstellers.