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Strommarkt 2026: Dynamische Tarife und die Schere zwischen Bezug und Einspeisung

Strompreis für Gewerbe seit 2021 verdoppelt, Einspeisevergütung am Minimum, ab 2027 stündlicher Spotpreis: Was dynamische Tarife für PV-Betreiber ab 100 kWp bedeuten.

Eigenverbrauch & ZEV Von Alexander Brendlin, Mitgründer & Geschäftsleitung 8 Min. Lesezeit

Der Schweizer Strommarkt hat sich für PV-Betreiber seit 2021 in zwei Richtungen bewegt: Die Energiekomponente für Gewerbekunden (ElCom-Kategorie C4) stieg im Median von 6.97 auf 15.20 Rp./kWh im Jahr 2024 und liegt 2026 bei 11.28 Rp./kWh, während die Einspeisevergütung auf das gesetzliche Minimum fiel. Seit 2026 gilt der quartalsweise Referenzmarktpreis, ab 2027 der stündliche Spotpreis. Wer Strom selbst verbraucht, speichert und nach Preissignalen steuert, entzieht sich dieser Schere.

Das Wichtigste in Kürze

8 Min. Lesezeit
  1. Bezugspreis mehr als verdoppeltDie Energiekomponente für Gewerbekunden (ElCom C4) stieg im Median von 6.97 Rp./kWh (2021) auf 15.20 Rp./kWh (2024) und liegt 2026 bei 11.28 Rp./kWh.
  2. Einspeisung am gesetzlichen MinimumSeit 2026 gilt der quartalsweise Referenzmarktpreis. Die Minimalvergütung beträgt 6 Rp./kWh unter 30 kW; eine 150-kW-Anlage mit Eigenverbrauch erhält rechnerisch 1.2 Rp./kWh (EnV Art. 12).
  3. Ab 2027 stündlicher SpotpreisAb dem 1. Januar 2027 richtet sich die Rückliefervergütung nach dem Day-Ahead-Preis zur Stunde der Einspeisung. Im April und Mai 2026 zählte der Schweizer Markt 150 Stunden mit negativen Preisen.
  4. Dynamische Tarife seit 2026EKZ sendet Preissignale im 15-Minuten-Takt, CKW variiert den Netztarif zwischen 0.1 und 32 Rp./kWh. Aktive Nutzer sparen bei EKZ im Schnitt rund 5 Prozent.

Der Strommarkt hat sich seit 2021 gegen die klassische Einspeiselogik gedreht. Gewerbekunden zahlen 2026 für die Energiekomponente im Median 11.28 Rp./kWh (ElCom), Betreiber grosser Dachanlagen erhalten für den Überschuss oft nur die gesetzliche Minimalvergütung. Diese Schere ist das zentrale Argument für Eigenverbrauch, Speicher und preisgesteuerten Betrieb. Dieser Artikel zeigt die Zahlen, die Regeln ab 2026 und 2027 und die Handlungsoptionen für Anlagen ab 100 kWp.

Wie hat sich der Strompreis für Gewerbe seit 2021 entwickelt?

Der Bezugspreis hat sich mehr als verdoppelt, die Einspeisevergütung ist gleichzeitig auf den Tiefststand der letzten sechs Jahre gefallen.

Die ElCom-Strompreiskarte weist für die Kategorie C4, einen Gewerbebetrieb mit 500’000 kWh Jahresverbrauch, folgende Mediane der Energiekomponente aus (Quelle: ElCom-Strompreiskarte):

6.97 Rp./kWh
Energiekomponente 2021, Median ElCom Kategorie C4 (500'000 kWh/Jahr)
15.20 Rp./kWh
Energiekomponente 2024, Höchststand der Reihe (ElCom)
11.28 Rp./kWh
Energiekomponente 2026; für 2027 bereits publiziert: 10.88 Rp./kWh (ElCom)

Dazwischen lagen 2022 mit 7.29, 2023 mit 12.26 und 2025 mit 13.04 Rp./kWh. Die Maximalwerte einzelner Netzgebiete erreichten 2023 gemäss ElCom 48.50 Rp./kWh. Wer nur auf die Energiekomponente schaut, unterschätzt den Effekt: Der Gesamttarif C4 inklusive Netznutzung und Abgaben stieg von 17.62 Rp./kWh (2021) auf 23.66 Rp./kWh (2026), ein Plus von 34 Prozent.

Auf der anderen Seite der Rechnung steht die Vergütung für eingespeisten Solarstrom. Die Pvtarif-Karte des Verbands unabhängiger Energieerzeuger VESE zeigt für Anlagen von 150 bis 250 kWp den Verlauf: 2022 und 2023 lagen die Vergütungen in weiten Teilen der Schweiz im obersten Band der Skala, 2026 fast flächendeckend im untersten. Für einen Betrieb mit PV-Anlage heisst das: Jede eingespeiste Kilowattstunde ist heute ein Bruchteil dessen wert, was die gleiche Kilowattstunde beim Bezug kostet.

Warum bestimmt der Gaspreis den Schweizer Strompreis?

Die Schweiz produziert ihren Strom zu rund 60 Prozent aus Wasserkraft und zu knapp 30 Prozent aus Kernkraft (BFE 2024), ist im Winter aber auf Importe aus der EU angewiesen.

An den europäischen Strombörsen gilt das Prinzip der Merit-Order: Die Kraftwerke werden nach ihren Grenzkosten sortiert, und das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage noch zugeschaltet werden muss, setzt den Preis für alle (Quelle: VSE, Strommarkt und Stromhandel). In vielen Stunden sind das Gas- oder Kohlekraftwerke. Der Gaspreis wiederum folgt historisch und logistisch dem Ölpreis.

Deshalb schlagen geopolitische Krisen zeitgleich auf Heizöl, Treibstoff und Strom durch. Der Dieselpreis erreichte laut TCS im Juni 2022 einen Rekord von CHF 2.40 pro Liter und stieg Mitte August 2026 erneut auf eine Spitze von CHF 2.27 pro Liter. Brent-Rohöl notierte am 23. Juli 2026 gemäss EIA bei 105 US-Dollar pro Barrel. Die Energiekomponente der Kategorie C4 zeichnet diese Bewegung mit Verzögerung nach: Der Sprung von 7.29 auf 12.26 Rp./kWh fiel auf das Tarifjahr 2023, das die Beschaffung während der Energiekrise 2022 abbildet.

Für PV-Betreiber ist das eine strategische Feststellung: Der Bezugspreis hängt an Märkten, die der Betrieb nicht beeinflussen kann. Der Anteil selbst produzierten Stroms ist der einzige Hebel, der diese Abhängigkeit dauerhaft reduziert.

Was ändert sich bei der Rückliefervergütung 2026 und 2027?

Seit dem 1. Januar 2026 orientiert sich die Vergütung für eingespeisten Solarstrom am Referenzmarktpreis, einem vom BFE berechneten Quartalsmittel. Ab dem 1. Januar 2027 gilt der stündliche Spotpreis.

Für Anlagen ab 150 kW greift die Minimalvergütung nicht. Ihr Überschuss wird zum Referenzmarktpreis abgerechnet, sofern der Netzbetreiber kein anderes Modell anbietet. Verteilnetzbetreiber bleiben frei, abweichende Vergütungen zu zahlen, etwa eine vom Zeitpunkt der Einspeisung unabhängige, konstante Vergütung aufgrund kantonaler oder kommunaler Entscheide.

Der Bundesrat hat am 27. Mai 2026 den nächsten Schritt beschlossen: Ab dem 1. Januar 2027 richtet sich die Rückliefervergütung nach dem Schweizer Day-Ahead-Spotpreis zur Stunde der tatsächlichen Einspeisung (EnG Art. 15 Abs. 1bis, Medienmitteilung des Bundesrats). Damit zählt nicht mehr das Quartalsmittel, sondern die Stunde. Und die Mittagsstunden, in denen PV-Anlagen am meisten liefern, sind an sonnigen Tagen die billigsten Stunden des Tages. Im April und Mai 2026 verzeichnete der Schweizer Day-Ahead-Markt 150 Stunden mit negativen Preisen (EPEX).

EKZ stellt Bestandsanlagen je nach Stand des Smart-Meter-Rollouts am 1. Januar 2027 oder am 1. Januar 2028 auf die dynamische Abnahmevergütung um. Wer heute mittags einspeist, sollte diese Umstellung in die Wirtschaftlichkeitsrechnung einplanen. Was die Abnahmepflicht seit 2026 für Neubauten bedeutet, steht im Artikel Solarpflicht und 70-Prozent-Einspeiseregel.

Wie funktionieren dynamische Tarife bei EKZ, CKW und ewz?

Die grossen Versorger ersetzen die starre Hoch- und Niedertarifstruktur schrittweise durch dynamische Tarife, die den Preis an Börse und Netzlast koppeln.

EKZ bietet seit dem 1. Januar 2026 einen kombinierten dynamischen Wahltarif an. Das Preissignal wechselt alle 15 Minuten. Der Energietarif schwankt in einem Band von plus/minus 5 Rp./kWh um den Standardtarif, der Netztarif in einem Band von minus 5 bis plus 15 Rp./kWh. Grundlage sind der Day-Ahead-Spotmarktpreis für die Energie und die Netzlastprognose für die Netznutzung. EKZ beziffert die Ersparnis: Wer Wärmepumpe, Ladestation oder Speicher aktiv nach dem Signal steuert, spart im Durchschnitt rund 5 Prozent gegenüber dem Standardtarif (EKZ, dynamische Wahltarife).

CKW führt mit «Netz business dynamic» seit dem 1. Januar 2026 einen dynamischen Netztarif für Unternehmen. Der Netztarif bewegt sich zwischen 0.1 und 32 Rp./kWh. In Kombination mit einem Energiemanagementsystem steuern die Preissignale Batteriespeicher und Ladestationen so, dass das Netz entlastet wird; CKW nennt bis zu 40 Prozent tiefere Netzkosten (CKW, dynamischer Tarif).

ewz testet seit Frühjahr 2026 in einem Pilot mit rund 650 Kunden im E-Mobility-Heimladen wochenweise festgelegte Hoch- und Niedertarifzeiten, die aus der erwarteten Netzbelastung abgeleitet und vorgängig kommuniziert werden (ewz, Medienmitteilung). Für Gewerbekunden gibt es dieses Modell noch nicht.

Die Gemeinsamkeit der drei Modelle: Der Preis wird zur Steuergrösse. Ohne steuerbare Lasten bringt ein dynamischer Tarif nichts. Mit Speicher, Ladeinfrastruktur und einem Energiemanagementsystem wird er zur Erlösquelle.

Was bedeutet das für Betriebe mit einer PV-Anlage ab 100 kWp?

Die Marktbedingungen ändern sich laufend, und mit ihnen die Wertschöpfung des Assets. Vier Hebel bringen den Solarstrom vom Einspeisezähler zurück in den Betrieb.

Welches Modell passt, hängt vom Verhältnis zwischen Produktion und Verbrauch ab. Ein Produktionsbetrieb mit Tagschicht verbraucht den Grossteil direkt; die Hebel sind hier Speicher und EMS. Ein Logistikstandort mit grossen Dächern und geringem Tagesverbrauch hat Überschuss und prüft ZEV, vZEV oder LEG. Den Vergleich der drei Modelle mit ihren rechtlichen Voraussetzungen finden Sie im Artikel ZEV, vZEV und LEG im Vergleich, die Schritte zur höheren Eigenverbrauchsquote im Leitfaden Eigenverbrauch optimieren.

Wie das in der Praxis aussieht, zeigt die Kuny AG in Küttigen: 633 kWp Photovoltaik, seit 2026 ergänzt um einen Batteriespeicher mit 250 kW Leistung und 522 kWh Kapazität. Der Speicher ist auf Peak Shaving und Eigenverbrauchsoptimierung ausgelegt und stellt in Zeitfenstern mit geringer Auslastung des Hausanschlusses zusätzlich Systemdienstleistungen bereit. Die Amortisation liegt bei rund 5 Jahren. Was der Regelenergiemarkt für Speicher hergibt, erklärt der Artikel Regelenergie mit Batteriespeicher.

Ein fünfter Hebel kostet keine Investition: die Anpassung der betrieblichen Abläufe. Wer Druckluft, Kälte oder Ladevorgänge in die Mittagsstunden legt, verschiebt Verbrauch in die Zeit der eigenen Produktion und aus den teuren Abendstunden des dynamischen Tarifs heraus. Der Weg führt vom einzelnen Asset zum flexiblen Energiesystem, das weniger vom Strommarkt abhängt.

Häufige Fragen

Wie hat sich der Strompreis für Gewerbekunden in der Schweiz seit 2021 entwickelt?

Die Energiekomponente der ElCom-Kategorie C4 (500'000 kWh Jahresverbrauch) lag 2021 im Median bei 6.97 Rp./kWh, erreichte 2024 mit 15.20 Rp./kWh den Höchststand und liegt 2026 bei 11.28 Rp./kWh. Der Gesamttarif inklusive Netz und Abgaben stieg im gleichen Zeitraum von 17.62 auf 23.66 Rp./kWh, ein Plus von 34 Prozent gemäss ElCom.

Was ist der Referenzmarktpreis für Solarstrom?

Der Referenzmarktpreis ist der vom Bundesamt für Energie berechnete, quartalsweise gemittelte Marktpreis, an dem sich seit dem 1. Januar 2026 die gesetzliche Vergütung für eingespeisten Solarstrom orientiert. Für Anlagen unter 150 kW gilt daneben eine Minimalvergütung nach Art. 12 EnV. Ab dem 1. Januar 2027 löst der stündliche Day-Ahead-Spotpreis den Quartalsmittelwert ab.

Lohnt sich ein dynamischer Stromtarif für einen Gewerbebetrieb mit PV-Anlage?

Ein dynamischer Tarif lohnt sich, wenn der Betrieb Lasten verschieben kann: Batteriespeicher, Ladestationen und Wärmepumpen lassen sich über ein Energiemanagementsystem nach dem Preissignal steuern. EKZ beziffert die Ersparnis aktiver Nutzer auf rund 5 Prozent gegenüber dem Standardtarif, CKW nennt bis zu 40 Prozent tiefere Netzkosten. Ohne steuerbare Lasten bringt der Tarif wenig.